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Ratschläge zur Geldanlage
May 11, 2016

Low volatility: Warum wir bei einer der populärsten Anlagestrategien vorsichtig sind

Bei Anlegern beobachten wir oft zwei klassische Fehler: sie kaufen was gerade gut läuft und sie lassen sich bei Entscheidungen von der Angst vor Kursschwankungen leiten. Welche Anlagestrategie spiegelt heute genau diese zwei Fehler wider? Sogenannte „low volatility“ oder „minimum volatilty“ Fonds. Diese Fonds stellen ähnlich gute Renditen wie der Gesamtaktienmarkt in Aussicht, aber mit deutlich weniger Kursschwankungen (=Volatilität). Gibt es ein solches Anleger-Nirvana überhaupt? Wir befürchten, Anleger werden von der zukünftigen Entwicklung enttäuscht sein, denn inzwischen ist die Bewertung dieser Anlagekategorie deutlich teurer als im historischen Durchschnitt. Beim Anlegen gilt immer der Grundsatz: teuer einkaufen = unterdurchschnittliche langfristige Rendite.

Low volatility Indexfonds sind sehr populär

Sieht man sich die Liste des größten Indexfondsanbieters in Deutschland für Strategie ETF an, dann fällt auf, dass die drei mit Abstand größten Fonds alle „minimum volatility“ Fonds sind.

ishares

Warum sind low volatility Strategien so populär?

Es gibt im wesentlichen zwei Gründe:

  • Anleger fürchten sich vor Kursschwanken. Bei vielen Anlegern wirkt noch die Erfahrung der massiven Kurseinbrüche nach, die auf das Platzen der Internet Blase (2000) und den Ausbruch der Finanzkrise (2008) folgten. Strategien, die das langfristige Renditepotential von Aktien in Aussicht stellen und zugleich die Volatilität verringern, erscheinen auf den ersten Blick attraktiv.
  • Performance. Nichts zieht mehr Anlegergelder an als gute Vergangenheitsperformance. Zwar steht überall wie auf einem Beipackzettel, dass „die Wertentwicklung in der Vergangenheit kein zuverlässiger Indikator für die künftige Entwicklung ist“, aber in der täglichen Realität stellen wir immer wieder fest, dass Anleger die 1-3 Jahresperformance als wichtiges Entscheidungskriterium verwenden. In der Tat haben „low volatility“ Strategien in den letzten Jahren den breiten Aktienmarkt übertroffen und gleichzeitig weniger Kursschwankungen aufgewiesen.

MSCI

Doch der Blick auf die Vergangenheitsperformance ist irreführend

In der Finanzpresse findet man bei der Beschreibung von low volatility Strategien meistens einen Kommentar, der sich liest wie folgt:

Es konnte festgestellt werden, dass die Low-Volatility-Strategie eine deutlich bessere Wertentwicklung als der nach Marktkapitalisierung gewichtete MSCI World Index zeigte, basierend auf dem simulierten Backtesting. Dieses Ergebnis ließ sich für ein ETF-basiertes Low-Volatility-Portfolio sowohl bei Industrie- wie auch bei Schwellenländern zeigen.

Dies ist zwar alles objektiv richtig, aber dennoch irreführend. Ein erfolgreicher Backtest ist oft nicht nur wertlos, sondern kontraproduktiv! Wenn ein Backtest eine gute historische Wertentwicklung zeigt, dann geht dies oft nur darauf zurück, dass der Vermögensgegenstand zu Anfang der Analyseperiode billig war und zum Ende teuer. Ein erfolgreicher Backtest ist eher ein Signal, dass Anleger vorsichtig sein sollten und ist gerade kein Kaufsignal! Es sollte offensichtlich sein, dass es wenig Sinn macht, eine Anlage zu empfehlen, nur, weil sie inzwischen teuer ist.

Vielleicht wird dies an einem konkreten Beispiel deutlicher: der US Technologiemarkt Nasdaq stieg von 1995 bis Anfang 2000 stärker als fast jeder andere Aktienmarkt. Ein Backtest hätte eindeutig ergeben, dass Technologieaktien die beste Anlageklasse waren. Doch Anfang 2000 waren Technologieaktien extrem überbewertet. Von März 2000 bis Oktober 2002 folgte dann ein Kurseinbruch um 78%…

Research Affiliates, eine US Fondsgesellschaft, die zurzeit mehr als $150 Milliarden verwaltet, hat in einer detaillierten Studie festgestellt, dass im Falle von low volatility Strategien die Outperformance in den letzten 10 Jahren ALLEINE auf im Zeitablauf steigende Bewertung zurückzuführen war. Dies kann aber nicht unbegrenzt fortgeführt werden. Low volatility an sich produziert keine strukturelle Mehrrendite. Rob Arnott, der Gründer von Research Affiliates, erklärte deswegen, dass viele dieser Strategie Indexfonds bei Anlegern zu herben Enttäuschen führen werden.

RAFI

Anschaulich wird das Problem der low-volatility Strategie auch anhand der folgenden Graphik: am US Aktienmarkt sind Aktien mit der niedrigsten Volatilität ca. 34% teuer als im historischen Durchschnitt.

PE

Wem auch dies zu abstrakt erscheint, der sollte sich vielleicht die Bewertung für den Konsumgütersektor ansehen – dieses Segment steht mit seinen defensiven Qualitätsaktien stellvertretend für die Anlagekategorie ‘low volatility’. Schaut man sich sich den S&P Staples Index an, so erkennt man, wie in den letzten 5 Jahren das Kurs-Gewinn-Verhältnis (grüne Linie) von ca 15x in 2011 auf inzwischen 22,6x gestiegen ist.

SP Staples Index

Zusammenfassung

Nur zu oft zielen Anlageratschläge auf die Herzen der Anleger, nicht auf ihre Köpfe. Verstand wird ersetzt durch Gefühl, obwohl dies beim Anlegen bekanntlich immer der Moment ist, in dem es meist richtig gefährlich wird.

Low volatility Strategien schaffen den emotionalen Spagat, indem sie sowohl an unsere Gier appellieren (sehr gute Vergangenheitsperformance), wie auch an unsere Angst (weniger historische Kursschwankungen). Doch der langfristige Anlageerfolg setzt immer voraus, dass der erworbene Vermögensgegenstand attraktiv bewertet ist. Dies war sicherlich vor 5 Jahren der Fall bei der low volatility Anlagekategorie, aber heute trifft dies nicht mehr zu. Wir befürchten, dass in der Zukunft zum Begriff „low volatility“ noch die Beschreibung „low return“ gehören wird.