Research

Ratschläge zur Geldanlage
July 26, 2016

Paradigmenwechsel an den Finanzmärkten?

Was wäre, wenn heute unbemerkt ein Paradigmenwechsel an den Finanzmärkten stattfände? Es gibt erste Anzeichen, dass sich das Marktumfeld weg von den Deflationsängsten der letzten Jahre hin zu einer Normalisierung der Wirtschaft mit langsam steigender Inflation verschiebt. Ein Paradigmenwechsel bedeutet aber, dass die Gewinner und Verlierer der letzten Jahre nicht mehr die gleichen in der Zukunft sein werden. Deckt Ihre Vermögensanlage alle Eventualitäten ab? Oder ist das Wohl und Wehe des Geldes doch vielmehr abhängig vom Fortbestehen des bisherigen Marktumfelds?

Die letzten 2 Phasen – erst lockere Geldpolitik, dann Deflationsängste

Nach der Finanzkrise in 2008/9 gab es an den Finanzmärkten zwei bedeutende Phasen:

  • Von 2012 bis Mitte 2015: die Zentralbanken der wichtigsten Industrieländer (USA, EU, Japan) unterstützen den Wirtschaftsaufschwung mit einer sehr lockeren Geldpolitik. Damit sind weniger die niedrigen Zinsen als die Ankäufe von Staatsanleihen durch die Zentralbanken selbst gemeint. Den Beginn machte die USA im September 2012 mit dem unbefristeten Kauf von Hypothekendarlehen (auch QE3 genannt), darauf folgte Japan im Dezember 2012 („Abenomics“) und schließlich die EZB mit ihrem Programm der quantitativen Lockerung im November 2014. Folge: weltweit stiegen die Kurse von Anlagen, seien es Immobilien, Unternehmensanleihen oder Aktien. Der weltweite Aktienindex MSCI World stieg in diesem Zeitraum um ca. 15% pro Jahr.
  • Mitte 2015 bis heute: Am 18. Mai 2015 war zunächst Schluss – die globalen Aktienmärkte gemessen am MSCI World erreichten ein Höchststand und fielen danach wieder. Der Grund: Deflationsängste und Wachstumssorgen machten sich breit. Deflation ist das Gegenteil von Inflation, d.h. ein allgemein sinkendes Preisniveau. Das Problem der Deflation liegt darin, dass die Schulden von heute morgen noch schwerer wiegen, weil dann die Einkünfte niedriger sind und der Schuldenstand noch schwerer bedient werden kann. Folge: wie immer, wenn Unsicherheit zunimmt, steigen Anleihekurse während Aktien- und Rohstoffpreise fallen.

Die nächste Phase: Normalisierung?

Anleger begehen oft den gleichen Fehler: je länger ein Trend anhält, umso mehr glauben sie, dass sich dies für immer so fortsetzt. Dies erkennt man gut daran, was Anleger gerade kaufen – nämlich genau was in der jüngsten Vergangenheit gut lief. Falls wir jedoch zu Beginn eines neuen Paradigmenwechsels stehen, ist dies wirklich so klug? Es gibt erste Anzeichen, dass die Phase der Deflation zu Ende geht (Charts wegen besser Übersichtlichkeit am Ende des Kommentars):

  1. Die wirtschaftlichen Zahlen zeigen wieder eine Verbesserung. USA und China haben sich von der Wachstumsschwäche im ersten Quartal erholt. Die Rezession in einigen Schwellenländern wie Brasilien und Russland geht dem Ende zu.
  2. Inflationsrate fällt nicht länger. In den wichtigsten Industrieländern waren die Deflationsängste sehr real, denn immerhin fielen die Inflationsraten von 2012 bis 2015. Doch seit Ende 2015 sehen wir wieder steigende Inflationsraten, angeführt von den USA, Großbritannien und selbst der Eurozone.
  3. Rohstoffpreise steigen seit Jahresanfang. Während die Preise für die wichtigsten Rohstoffe von 2012-2015 fast kontinuierlich am Fallen waren, so sehen wir inzwischen eine Trendumkehr. Seit Jahresanfang sind die Preise gestiegen für Kupfer, Öl, Aluminium, Eisenerz und Stahl.
  4. Lohndruck in den USA nimmt zu. Löhne sind ein wesentlicher Bestandteil des allgemeinen Preisniveaus. Während in den USA die Löhne von Arbeitnehmern, die den Job wechselten, in 2014 weniger als 3% zunahmen, so erhöhte sich das Lohnwachstum in 2015 auf 3-4%, um dann in 2016 erstmalig seit der Finanzkrise mehr als 4% zu wachsen.

Vorsicht vor den Gewinnern der letzten Phase

Um es deutlich zu machen: bisher gibt es nur Anzeichen für einen Trendwechsel, es ist zu früh, um ein klares Signal für einen eindeutigen Paradigmenwechsel zu geben. Dennoch sollten meisten Anleger vorsichtig sein, weil sie oft einseitig positioniert sind ohne es zu wissen und ihr Depot nur bei einem Weiterbestand des bisherigen Umfelds gut dastehen wird.

Die populären Anlagen der letzten Jahre sind leicht zu identifizieren – alles was in der Werbung der Finanzindustrie herausgestellt wird, denn nichts verkauft sich leichter als Anlagen mit guter Vergangenheitsperformance (leider):

  • Alles mit laufenden Erträgen: in der Niedrigzinsphase suchen Anleger verzweifelt nach Alternativen zu Festgeldanlagen, die dennoch eine gute Verzinsung bieten. Dazu gehören Unternehmensanleihen, Immobilienfonds und sogenannte „Qualitätsaktien“ mit hoher Dividende. Diese Anlagen haben jedoch alle eins gemeinsam: die Bewertung ist inzwischen sehr hoch.
  • Alles mit Sicherheit: Sind Anleger heute, selbst 8 Jahre nach der Finanzkrise, euphorisch oder verängstigt? Doch wohl eher letzteres. Das spiegelt sich auch in der Anlagewahl wieder, wo defensiv aufgestellte Mischfonds die Verkaufslisten aktiv gemanagter Fonds anführen. Bei ETFs sind sog. “low-volatility” Indexfonds der Renner, also ebenfalls Fonds, die sich eher an das Sicherheitsbedürfnis richten.

Ist Ihre Vermögensanlage unabhängig von Trends?

Eine optimale Vermögensanlage zeichnet sich dadurch aus, dass sie auch von Trendbrüchen nicht überrascht wird. Wer zu stark auf ein bestimmtes wirtschaftliches Szenario ausgerichtet ist, der geht letztlich unnötig hohe Risiken ein, da niemand zu 100% die Zukunft vorhersagen kann. Mehr als alles andere sollte dieser Kommentar ein Plädoyer für eine ausgeglichene Vermögensanlage sein und eine Absage an Wetten, ausgerichtet an selten wiederholbarer Vergangenheitsperformance!

Haben wir Ihr Interesse geweckt, wie man sein Vermögen unabhängiger von wirtschaftlichen Entwicklungen aufstellen kann? Wir freuen uns auf ein Gespräch. Sie können uns jederzeit per Email oder Telefon erreichen.

 

Charts:

1. Positive Wirtschaftsdaten aus den USA relativ zu den Prognosen

Citi econ surprise index

2. Weltweites Wirtschaftswachstum erholt sich

1 Gavyn Davies

3. Inflation stabilisiert sich in den wichtigsten Ländern

2 Jim Paulsen

4. Rohstoffpreise ebenfalls

3 Commodities

5. Löhne in den USA beschleunigen sich weiter

4 US wages

6. Defensive “Qualitätsaktien” sind historisch teuer

5b defensive valuation

7. Mischfonds waren die Verkaufsspitzenreiter in 2015 („Garantie- und Wertsicherungsfonds sammelten am meisten ein“)

6 Mischfonds

8. Low-Volatility ETF sind die Verkaufsspitzenreiter unter den Smart-Beta Indexfonds

low-vol

Quellen:

http://blogs.ft.com/gavyndavies/2016/07/03/global-economy-firm-as-brexit-shock-hits/

https://www.wellscap.com/pdf/emp/20160714.pdf

https://www.frbatlanta.org/chcs/wage-growth-tracker?panel=1

http://www.kkr.com/global-perspectives/publications/adult-swim-only-2016-mid-year-update

http://www.morningstar.de/de/news/146464/auf-mischfonds-ruht-die-hoffnung-der-fondsindustrie.aspx

http://theirrelevantinvestor.com/2016/07/10/bizarro-world/

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