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Ratschläge zur Geldanlage
June 1, 2017

Sollte ein Depot auch Aktien von kleinen Unternehmen beinhalten?

Aktien werden nach ihrer Marktkapitalisierung unterschieden in Groß-, Mittel- und Kleinunternehmen. Anleger tendieren primär dazu Firmen von Großunternehmen zu kaufen. Grund: Standardwerte wie Siemens oder Nestlé sind bekannter, gelten als stabiler und damit sicherer. Die populärsten Indizes wie der DAX oder Euro Stoxx 50 enthalten auch nur die größten Firmen einer Region. Ist die Annahme, dass große Firmen automatisch stabiler sind aber richtig oder handelt es sich hier wieder nur um einen weiteren weit verbreiteten Anlegerirrtum?

Wer hatte die stabilsten Gewinne in den letzten Jahren?

Steigende Gewinne sind letztendlich der Motor für steigende Aktienkurse. Wenn Großunternehmen (“large caps”) wirklich widerstandsfähiger als kleinere Firmen (“small caps”) sind, dann sollte sich dies auch in einer stetigeren Gewinnentwicklung wiederspiegeln. Leider ist dies aber nicht immer der Fall. In Europa entwickelten sich zwar die Gewinne von Großunternehmen und Kleinunternehmen ziemlich ähnlich von 1996 bis 2011 – aber dann gab es einen abrupten Trendbruch. Seit 2012 sind die Gewinne im Index von Großunternehmen regelrecht eingebrochen, wären sie im Index von Kleinunternehmen stetig weiter gestiegen sind wie der folgende Chart anschaulich zeigt. Im MSCI Europa, also im Index für Blue Chips, sind die Gewinne heute wieder auf dem gleichen Niveau wie 2001 zurück.

Small cap earnings vs large caps - MSCI Europe

Dies spiegelt sich auch im Kursverlauf wieder. In den letzten 10 Jahren ist der MSCI Europe Small Cap pro Jahr um 6,15% gestiegen, während die jährliche Rendite beim MSCI Europe nur bei 3,34% lag (gerechnet jeweils bis Ende April 2017, in Euro, incl. Dividende). Aus 100.000 Euro wurden im Falle des MSCI Europe Small Cap also nach 10 Jahren eine stolze Summe von ca. 181,000 Euro, während daraus im MSCI Europe nur ca. 139.000 Euro wurden. Fürwahr kein trivialer Unterschied.

Was war geschehen? Der Grund für den Trendbruch ab 2011 ist einfach: die Gewinne der Banken sind eingebrochen und Banken sind ein wesentlicher Bestandteil der Indices von Großunternehmen – aber nicht der Indices von Kleinunternehmen. Bevor jetzt aber alle nur wieder auf die Banken schimpfen, auch andere Sektoren haben wegen dem Regulierungseifer der Regierungen Federn lassen müssen. So sind z.B. durch die von der Politik eingeleitete Energiewende ganze Geschäftsmodelle und damit Gewinne der Versorgerbranche unwiderruflich weggebrochen. Auch die Versorger waren wiederum stärker im Index für Großunternehmen vertreten.

Es ist nun einmal so, dass Großunternehmen für ein Land ’systemrelevanter’ sind als mittelständische Unternehmen und man sollte daher staatliche Eingriffe mit einkalkulieren. Das ist in Deutschland nicht viel anders als in Schwellenländern.

Empfehlung?

Was wir nicht empfehlen: dass Anleger jetzt nur noch small caps kaufen. Als Basisanlage kommen small caps nicht in Frage, wohl aber als wichtiger Depotbestandteil zur weiteren Streuung.

Was wir empfehlen: dass Anleger erst sorgfältig nachdenken, bevor sie etwas kaufen. Wer nur in bekannte Indices wie den Euro Stoxx 50 oder DAX investiert, ist deswegen nicht automatisch optimal diversifiziert, weil damit keine kleinen und mittelgroßen Unternehmen enthalten sind. An dieser Stelle sollte man auch anmerken, dass von den computergestützte Anlegeberatern, die aktuell stark in Mode sind, keiner der Anbieter gezielt Anlagen in kleinen- und mittelgrossen Unternehmen vorsieht. Wir überlassen dem Leser das Urteil, ob dies die richtige Vorgehensweise ist.

Schlussfolgerung

In vielen Finanzratgebern wird nahegelegt, den Aktienanteil in der Vermögensaufstellung mit nur einem oder wenigen Indices abzudecken. Wir sehen dies kritisch. Das Ergebnis ist in diesen Fällen zwangsläufig sub-optimal, denn alle populären Indices weisen irgendwo deutliche Schwachstellen auf.

Der mit Abstand populärste breit gestreute internationale Index bei deutschen Privatanlegern ist der MSCI World. Um nur einmal drei offensichtliche Schwachstellen zu nennen:

  1. im MSCI World sind keine Schwellenländer enthalten (die Bezeichnung ‘World’ ist also irreführend)
  2. die USA nehmen mit ca. 60% einen unverhältnismäßig großen Anteil ein
  3. small/mid-caps bleiben außen vor.

Der Wunsch, die Vermögensanlage einfach zu gestalten, ist verständlich, aber dies sollte nicht zu Lasten des Risikos und der Renditechancen gehen. Wie die Vermögensanlage optimal auf Ihre persönlichen Ziele ausgerichtet werden kann, erläutern wir Ihnen gerne in einem persönlichen Gespräch.