Research

Ratschläge zur Geldanlage
January 11, 2016

Warum der Kurssturz und welche Renditen können Anleger erwarten?

Die letzte Woche war der schlechteste Jahresauftakt an den Aktienmärkten seit über 30 Jahren. Der DAX verzeichnete ein Minus von 8,3% und hat damit fast die kompletten Gewinne des Vorjahres abgegeben. Zwar kann man von einer Woche keine Rückschlüsse auf das Gesamtjahr ziehen, aber es ist dennoch ein guter Anlaß, um sich über die langfristigen Renditeerwartungen einzelner Anlageklassen Gedanken zu machen. Hier ist unsere Sicht auf den Kurseinbruch zum Jahresbeginn und unsere Antwort auf die Frage nach der zukünftigen Rendite.

Was sind die Ursachen für die Börsenturbulenzen?

Es gibt im Wesentlichen zwei Gründe:

  1. Sorgen um die chinesische Wirtschaft. Dass sich die wirtschaftliche Lage im Reich der Mitte seit einiger Zeit abkühlt, ist bekannt – das Problem liegt in der Qualität der Informationen. Den Zahlen der undemokratischen Regierung wird wenig Vertrauen geschenkt. In einem Umfeld, in dem die Wirtschaftszahlen von außen nur schwer beurteilt werden können, nimmt die Bedeutung von Wechselkursen und Aktienkursen zu. Da diese zuletzt stärker schwankten, nimmt auch die Nervosität der Anleger zu. 10% der Umsätze der DAX Unternehmen kommen aus China, deswegen sind Versuche einer Beschwichtigung wenig hilfreich. China ist ein Unsicherheitsfaktor – und wird es auch in Zukunft wegen der Undurchsichtigkeit bleiben.
  2. Kehrtwende in der amerikanischen Zinspolitik. Die niedrigen Zinsen der letzten Jahre dienten explizit dazu, die Volatilität an den Finanzmärkten zu dämpfen, um den Aufschwung nicht zu gefährden. Inzwischen hat sich in den USA die wirtschaftliche Erholung verfestigt und die Arbeitslosenquote ist auf 5% gefallen. Folge: die US Zentralbank leitet eine Kehrtwende in der Zinspolitik ein und im Dezember 2015 sind zum ersten Mal seit Jahren die Zinsen wieder gestiegen. Wenn fallende Zinsen die Volatilität senken, dann ist es nur fair zu erwarten, dass steigende Zinsen wieder zu einer höheren Volatilität führen. Genau das passiert jetzt. Grund zur Panik? Nein, denn die geldpolitische Kehrtwende ist Zeichen einer gesünderen US Wirtschaft.

Das Paradox für Anleger besteht darin, dass sie nur dann investieren wollen, wenn Ruhe herrscht. Doch dann ist die Bewertung im Allgemeinen hoch und damit die zukünftigen Renditen niedrig. Vielleicht hilft ein Blick zurück nach Deutschland: 2015 verzeichnete die höchste Wachstumsrate im Einzelhandelsumsatz seit über 20 Jahren und die Arbeitslosigkeit ist heute auf dem niedrigsten Stand seit über 5 Jahren. Die Wirtschaft ist also in einer gesunden Verfassung und von einer Rezession sind wir weit entfernt. Mit welchen langfristigen Renditen sollten Anleger nun rechnen?

Es gibt keine „durchschnittlichen“ Renditen

Welcher Anleger kennt nicht die folgenden Aussagen:

  • „Aktien erzielten in der Vergangenheit eine Rendite von durchschnittlich 8%-12% pro Jahr“ und
  • „Anleihen erzielten in der Vergangenheit eine Rendite von durchschnittlich 3%-7% pro Jahr“?

Dies ist zwar alles korrekt, doch in den meisten Jahren sind die tatsächlich realisierten Renditen alles andere als „durchschnittlich“. In den letzten 90 Jahren gab es nur 2 Jahre, nämlich in 1926 und 1968, als die Renditen von Aktien und Anleihen genau diesen doch weiten Durchschnittsbandbreiten entsprachen. In den meisten Jahren wichen die Renditen von Aktien und Anleihen deutlich vom Durchschnitt ab.*

2015 Vanguard Deutsch v4

Diese Graphik soll zeigen, dass die Renditen in der Vergangenheit stark geschwankt haben und sicherlich auch in der Zukunft meistens deutlich vom „Durchschnitt“ abweichen werden. Dies ist der Normalzustand, der leider in einer schwierigen Phase gerne vergessen wird. Wer sich dessen bewusst ist, der wird dem Druck widerstehen, im falschen Augenblick einen guten Anlageplan über den Haufen zu werfen.

Mit welchen Renditen kann man langfristig rechnen?

Zwar sind die kurzfristigen Renditen kaum vorhersagbar, dennoch lassen sich einigermaßen zuverlässige Schätzungen für die langfristigen Erträge einzelner Anlageklassen erstellen. Bei Anleihen kann man die aktuelle Verzinsung direkt von Internetseiten der Zentralbanken (EZB, Bundesbank, etc) ablesen. Für Aktien kann man die historischen Risikoprämien als Aufschlag zur Verzinsung der Staatsanleihen heranziehen. Hier ist eine vereinfachte Berechnung:

  • Staatsanleihen: Eine 10-jährige deutsche Staatsanleihe bietet aktuell 0,5% Rendite pro Jahr; Japan 0,2%; Italien 1,6% und selbst die USA nur 2,2%. Staatsanleihen haben eine Rolle als ‚Stabilitätsanker‘ im Depot, aber wer Vermögenswachstum nach Steuern, Inflation und Kosten anstrebt, der sollte nicht allein auf Anleihen setzen.
  • Unternehmensanleihen: Indexrenditen kann man bei ETF Anbietern einsehen und muss diese noch um Ausfallraten korrigieren. Daraus ergeben sich geschätzte 2-3% Rendite für europäische Unternehmensanleihen guter Bonität und 3-4% für sogenannte Hochzinsanleihen.
  • Aktien: Über die letzten 100 Jahre lag die durchschnittliche Risikoprämie, also wieviel man mehr bei Aktien als bei Staatsanleihen erzielen konnte, bei 3%-5% pro Jahr. Bei Staatsanleihen mit aktuell 1%-2% Verzinsung sollten daher realistische langfristige Renditeerwartungen für Aktien in der Gegend von 4%-7% liegen. Dies ist etwas weniger als in der Vergangenheit, aber eine gute Vermögensplanung analysiert wie die Welt ist, nicht wie sie sein sollte. Kleiner Trick um sich die Zahlen besser zu verdeutlichen: eine Rendite von 7% pro Jahr bedeutet, dass sich das Vermögen nach 10 Jahren verdoppelt. Dazu sollte man auch wissen, dass aktuell alleine die Dividendenrendite am europäischen Aktienmarkt schon 3,6% beträgt, d.h. um auf eine Gesamtrendite von 7% zu erreichen, sind jährliche Kurssteigerungen von nur 3,4% nötig.
  • Immobilien: In den letzten 10 Jahren hatten Immobilienfonds im Durchschnitt eine Rendite von 3-4% gebracht; dies dürfte für die Zukunft wahrscheinlich auch die Obergrenze sein.

Aktien sind heute im relativen Vergleich zu Anleihen die deutlich attraktivere langfristige Anlage. Wer an 7% Renditechancen zweifelt, der sollte sich vor Augen halten, dass eine Anlage in den MSCI World Aktienindex am 1.1.2008, also VOR der Finanzkrise, bis zum 31.12.2015 eine jährliche Rendite von 7% gebracht hätte. Höhere Kursschwankungen wie wir sie heute erleben gehören (leider) dazu. Wer die Schwankungsbreite im Depot minimieren will – und das ist eine legitime persönliche Entscheidung – der sollte eine defensivere Anlageaufteilung (weniger Aktien, mehr Anleihen) wählen, aber nicht in Panik in Börsenturbulenzen verkaufen.

Wie man sein Portfolio heute optimal aufstellt, erläutern wir Ihnen gerne in einem ausführlichen Gespräch.

Quelle:

Vanguard, eigene Berechnungen. (Zahlen sind für die USA)

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsbedingungen.