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Ratschläge zur Geldanlage
June 8, 2015

Was gehört ins Depot, was nicht: Beispiel Unternehmensanleihen

Anleger stehen häufig vor dem Problem, dass sie nicht wissen, welche Anlagekategorien Bestandteil ihres Depots sein sollten. Aktien, Staatsanleihen und Immobilien gehören fraglos dazu, aber wie sieht es aus mit Unterkategorien wie z.B. Unternehmensanleihen? Gerade Unternehmensanleihen erfreuten sich in den letzten Jahren bei deutschen Anlegern großer Beliebtheit, da die Verzinsung attraktiv erschien im Vergleich zu Staatsanleihen und Festgeld. Die folgende detaillierte Untersuchung dieser Anlagekategorie zeigt aber, dass Anleger mit einem gut strukturierten Depot auch gut auf Unternehmensanleihen verzichten können. Die zusätzliche langfristige Rendite über Staatsanleihen ist minimal. Gerade für Anleger, die bereits Staatsanleihen und Aktien im Portfolio haben, bringt eine Beimischung von Unternehmensanleihen nichts, im Gegenteil.

Nur durchschnittlich 0,22% Mehrrendite pro Jahr

Über den Zeitraum von 1926 bis 2014 betrug die zusätzliche Rendite von Unternehmensanleihen guter Bonität gegenüber Staatsanleihen nur 0,22% pro Jahr. (1) Wer sich die Werbung von Unternehmensanleihefonds ansieht, wird häufig mit einer größeren Differenz angelockt, aber diese ist irreführend, weil hier Äpfel mit Birnen verglichen werden. Eine größere Differenz stellt lediglich eine Momentan Aufnahme dar, nicht die Renditen, die man als langfristiger Anleger verdienen kann.  Um einen korrekten Vergleich durchführen zu können, muss man die Zahlenreihen um bestimme Faktoren wie die Zahlungsausfallrate (manche Unternehmen gehen Bankrott) bereinigen. 0,22% als langfristige Mehrrendite sind nach unserer Meinung aber das zusätzliche Risiko nicht wert. Wer also eine deutlich höhere Verzinsung als Staatsanleihen anstrebt, der sollte NICHT in Unternehmensanleihen guter Bonität investieren.

Selbst 0,22% Mehrrendite ist eigentlich Augenwischerei

0,22% ist aber nicht die Zusatzrendite, die ein Privatanleger wirklich realisiert, wenn er in Unternehmensanleihen investiert. Wie so oft wird die Kostenseite vernachlässigt. Staatsanleihen kann man direkt kaufen, dafür benötigt man keinen Fonds (es gibt kein Ausfallrisiko, das man weg diversifizieren müsste, zumindest nicht bei deutschen oder amerikanischen Staatsanleihen). Aber Unternehmensanleihen haben ein Ausfallrisiko, daher sollten Privatanleger nie einzelne Unternehmensanleihen kaufen, sondern Indexfonds oder aktiv gemanagte Fonds kaufen, die breit gestreut sind. Diese kosten aber (teilweise hohe) Gebühren. Im Falle von Indexfonds mindestens 0,2%, im Falle von aktiv gemanagten Fonds meistens über 0,70% pro Jahr. Nach Abzug dieser Gebühren ist von der Zusatzrendite nichts mehr übrig, im Gegenteil. Folge: Anleger in aktiv gemanagten Fonds von Unternehmensanleihen guter Bonität haben ein höheres Risiko bei gleichzeitig schlechterer Rendite (nach Kosten) als Anleger, die direkt in Staatsanleihen investieren. Dies macht keinen Sinn.

Unternehmensanleihen bieten keine Diversifikation

Zusätzlich zu der recht kleinen Zusatzrendite haben Unternehmensanleihen noch den großen Nachteil, dass sie wenig zur Diversifikation beitragen. Diversifikation bedeutet vereinfacht gesagt, dass man Vermögenswerte auswählt, die nicht gleichzeitig steigen oder fallen. Unternehmensanleihen haben leider die unangenehme Eigenschaft, genau zu dem Zeitpunkt, wenn Aktien wegen einer Rezession stark fallen, ebenfalls heftige Kursverluste zu verbuchen. Beispiel: In 2008 fiel der Index für europäische Unternehmensanleihen von Januar bis Oktober um fast 15%. Sicherlich etwas besser als die Performance von Aktien im gleichen Zeitraum, aber auch nichts für schwache Nerven.

Wie sieht das Urteil für Unternehmensanleihen schlechter Bonität aus?

Hochzinsanleihen, also Unternehmensanleihen von Emittenten schlechterer Bonität (auch High Yield Anleihen genannt), nehmen eine Zwitterrolle wischen Aktien und Unternehmensanleihen besserer Bonität ein. Es gibt im Wesentlichen zwei Gründe, diese in ein Portfolio aufzunehmen:

  • Geringe Zinssensitivität (wegen geringer Duration aufgrund kurzer Laufzeiten und früher Kündbarkeit seitens der Emittenten)
  • Hochzinsanleihen sind ein weniger effizienter Markt als Staatsanleihen oder Unternehmensanleihen guter Bonität. Soll heißen, es ist einer der wenigen Marktbereiche, wo aktives Management Sinn machen kann.

Die Finanzindustrie bewirbt bei Hochzinsanleihen die attraktivere Zinsdifferenz im Vergleich zu Staatsanleihen. Auch hier stellt sich die Frage: wieviel an zusätzlicher Rendite kann ein Privatanleger wirklich langfristig verdienen, wenn er von sicheren Staatsanleihen zu riskanteren Hochzinsanleihen geht? Hochzinsanleihen sind noch eine relativ junge Anlageklasse und Indexfonds gibt es hierfür erst seit ca. 15 Jahren in den USA. Deswegen konzentrieren wir uns bei der Analyse auf diesen Zeitraum. Das Ergebnis ist deutlich: schaut man sich über die letzten 15 Jahre die Rendite des größten Indexfonds für Hochzinsanleihen an, so betrug dieser zwar respektable 6,39% pro Jahr, aber dies war nur 0,05% mehr pro Jahr als der Indexfonds für Unternehmensanleihen guter Bonität und nur 0,58% mehr pro Jahr als der Indexfonds für Staatsanleihen mit ähnlicher Laufzeit. (2) Wägt man Renditechancen gegen Risiko ab, so sind wir der Meinung, dass eine langfristige Anlage in Hochzinsanleihen wenig sinnvoll war, weil die zusätzliche Rendite in keinem gesunden Verhältnis zum zusätzlichen Risiko stand.

Wegen der hohen Risiken, die mit Hochzinsanleihen verbunden sind, raten wir auch strikt davon ab, dass Privatanleger Einzeltitel ins Portfolio aufnehmen. Dies gilt insbesondere für die in Deutschland beliebten Mittelstandsanleihen. Der Weg über Fonds ist unumgänglich.

Sag niemals Nie

Einer der größten Nachteile von Hochzinsanleihen ist allerdings der Grund warum wir nie „Nie“ sagen: Hochzinsanleihen sind relativ illiquide und in Zeiten von Panik wie in 2008 führt dies dazu, dass diese deutlich unter ihrem fairen Wert handeln können. Dann sollte man zugreifen. Wenn die Finanzmärkte aber ruhig sind wie zurzeit, dann macht eine Anlage in Hochzinsanleihen weniger Sinn, weil die Preise kaum von der fairen Bewertung abweichen. Heute ist die Bewertung aber nicht einmal als fair zu bezeichnen sondern schlicht und einfach als teuer wie folgende Rechnung zeigt.

Effektivverzinsung High Yield Indexfonds (3)3,65%
– Jährliche Verwaltungskosten0,50%
+ Wertpapierleiheertrag0,10%
– Ausfallrate 2% mit 50% recovery rate (4)1,00%
= Endergebnis Nettorendite2,25%

Wer heute europäische High Yield Indexfonds kauft, kann langfristige Renditen von maximal 2%-3% pro Jahr erwarten – im besten Falle. (4) Manchen Anlegern mag dies ausreichend erscheinen, aber wir würden unseren Kunden zurzeit keine Hochzinsanleihen empfehlen.

Zusammenfassung: Kein sinnvoller Beitrag zum Portfolio

Weniger ist mehr. Dies gilt oft auch bei der Portfoliokonstruktion. Viele Vermögensverwalter glauben ihre Kunden beeindrucken zu müssen, indem sie eine große Zahl verschiedener Anlageklassen und Fonds kaufen, die aber bei objektiver Betrachtung keinen Mehrwert im Portfolio bringen. Unternehmensanleihen müssen also nicht Teil eines breit diversifizierten Portfolios sein. Eine Anlage aus 50% Aktien und 50% sicheren Staatsanleihen hat über die letzten 20 Jahre eine höhere Rendite bei geringerer Volatilität gezeigt als eine Anlage in Unternehmensanleihen (sowohl guter als auch schlechter Bonität).

Auf Unternehmensanleihen zu verzichten bringt einen weiteren Vorteil: Weniger Positionen im Portfolio bedeutet auch weniger (Handels-) Kosten, wenn in regelmäßigen Abständen die Gewichtung des ursprünglichen Anlagen-Mix wiederhergestellt wird (sog. rebalancing).

Am Ende unserer Anlageratschläge zitieren wir gerne erfolgreiche Profi-Anleger. David Swensen verwaltet für die amerikanische Eliteuniversität Yale ein Vermögen von über $20 Milliarden und kann einen beeindrucken track record von durchschnittlich über 13% pro Jahr über die letzten 30 Jahre vorweisen. Sein Ratschlag: „gut informierte Anleger vermeiden Unternehmensanleihen“. Dem ist nichts hinzuzufügen und wir hoffen, Sie mit diesem Kommentar ebenfalls gut informiert zu haben.

Quellen:
(1) Die Zahlen sind für die USA – für Europa bzw. Deutschland liegen noch keine vergleichbar langen Datenreihen vor.
(2) 15 Jahre bis Ende 31.3.2015. High Yield ETF Ticker = VWEHX, Unternehmensanleihen = VFICX und Staatsanleihen mit mittlerer Laufzeit = VFITX.
(3) http://www.ishares.com/de/individual/de/produkte/251843/ishares-euro-high-yield-corporate-bond-ucits-etf per 4. Juni 2015
(4) Dies ist übrigens eine ausgesprochen optimistische Annahme. In der Vergangenheit war die durchschnittliche Ausfallrate in den USA und Europa mehr als doppelt so hoch. Wenn sich die historischen Ausfallraten in der Zukunft also wiederholen sollten, dann wäre die Rendite für einen langfristigen Anleger in europäischen Hochzinsanleihen nur 0%.

 

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