Research

Ratschläge zur Geldanlage
November 9, 2015

Weiterhin keine Rezession in Sicht

Der meistgelesene Kommentar auf unserer Webseite war „Warum dieser Wirtschaftszyklus so ungewöhnlich ist (und wahrscheinlich sehr lange anhalten wird)“ vom 2. Mai 2014. Inzwischen ist über ein weiteres Jahr vergangen und es wird Zeit für ein Update. Sind wir weiterhin so optimistisch oder gibt es inzwischen Anzeichen einer Eintrübung oder gar Rezession?

Wo genau stehen wir im aktuellen Wirtschaftszyklus?

In Amerika dauerte über die letzten 200 Jahre der Wirtschaftszyklus von Aufschwung bis zur Rezession im Durchschnitt 39 Monate. Der aktuelle Zyklus ist bereits im 73. Monat. Dies könnte den Eindruck nahelegen, dass wir bereits weit über das Verfallsdatum hinaus sind und uns eine Rezession bald wieder bevorsteht. Wir halten dies für wenig wahrscheinlich, weil:

  1. Die letzten drei Zyklen waren ebenfalls ungewöhnlich lange mit im Durchschnitt 94 Monaten. Tatsache ist, dass ein langer Wirtschaftsaufschwung nicht ungewöhnlich für die jüngere Vergangenheit ist.
  2. Die Rezession in 2008/2009 war außergewöhnlich tief. Je tiefer die Rezession, umso länger danach üblicherweise der Aufschwung.
  3. Ein Wirtschaftszyklus endet nicht, wenn er ein bestimmtes Alter erreicht, sondern wenn er zunehmend von Exzessen begleitet wird. Doch heute sind die Wirtschaftsakteure eher noch vorsichtig – negative Nachrichten bestimmen weiterhin das Bild und Konsumenten denken zu aller erst noch an die Krise von 2008. Dies ist ein völlig anderes Umfeld als während der Internetblase in 1998-2000 und während der Immobilienblase in den USA in 2005-2007.
  4. Die typischen Anzeichen einer sich überhitzenden Wirtschaft, die in der Vergangenheit vor einer Rezession aufgetreten sind, wie hohe Unternehmensverschuldung oder Kapazitätsauslastung, sind heute auch noch nicht erkennbar.
  5. Wichtiger Auslöser von Rezessionen waren in der Vergangenheit stark gestiegene Rohstoffpreise. Viele Anleger assoziieren die Rezession in 2008 mit einer Immobilienblase und Bankenkrise und vergessen dabei, dass der Ölpreis von Anfang 2007 bis Mitte 2008 um mehr als 100% stieg! Höhere Rohstoffpreise bedeuten aber, dass Konsumenten weniger Geld in der Tasche haben. Wie sieht es dagegen heute aus? Die Preise aller wichtigen Rohstoffe sind deutlich niedriger als vor 1 Jahr (in der Graphik sind Rezessionen lila hinterlegt, Quelle: Evercore ISI).

Commodities vs business cycle

Europa steht erst am Beginn der Erholung

Der Wirtschaftszyklus in Europa läuft dem amerikanischen mit einer Verzögerung von 2-3 Jahren hinterher. In Europa ist die Arbeitslosigkeit noch höher, die Kapazitätsauslastung geringer und damit ist es noch viel zu früh um sich über ein Ende des Zyklus Gedanken zu machen.

Von Anlegern gerade in Deutschland hört man oft einen pessimistischen Grundton – aber Tatsache ist, dass sich die Wirtschaft in der Eurozone in den letzten Jahren stetig erholt hat. Dies ist gut erkennbar am Einzelhandelsumsatz, der kurz davorsteht, einen neuen Rekordwert zu erreichen.

Retail sales

Realwirtschaft ≠ Finanzmärkte

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: auch wenn die Wachstumsraten weiterhin niedrig bleiben, wir stehen in Europa und den USA nicht vor einer Rezession. Unsere positive Sicht zur Wirtschaftslage heißt aber nicht, dass wir automatisch positiv sind für alle Anlagekategorien. Seit 2009 legten alle wichtigen Anlagekategorien deutlich an Wert zu – dies gilt insbesondere für Aktien, Staatsanleihen und Unternehmensanleihen. Doch wir denken diese Phase neigt sich dem Ende zu. In den USA befinden wir uns zum ersten Mal seit 7 Jahren wieder bei Vollbeschäftigung (5% Arbeitslosigkeit).  In der Vergangenheit hat sich bei diesem Meilenstein das Verhalten der Anlagemärkte verändert. Unsere aktuelle Einschätzung:

  • Aktien sind zwar teurer geworden, im relativen Vergleich zu Anleihen bleiben sie aber weiterhin die attraktivere Anlageklasse. Konkret bedeutet dies, dass Aktienanleger langfristig wahrscheinlich bessere Renditen erzielen dürften als Anleiheanleger, aber dass die Zeiten zweistelliger Renditen am Aktienmarkt vorerst vorbei sind.
  • Anleihen steigen im Preis, wenn Zinsen fallen, die Inflation niedrig ist und Anleger aus allgemeiner Furcht Schutz in sicheren Anlageklassen suchen. Je weiter wir uns jedoch von der Krise entfernen und je mehr sich der Aufschwung verfestigt, desto weniger attraktiv erscheinen Anleihen, die zurzeit nur Renditen von 0,5%-2% bieten. Wir bleiben weiterhin untergewichtet bei Staatsanleihen und Unternehmensanleihen.
  • Die Volatilität von Aktien und Anleihen wird zunehmen und die Vorteile der Diversifikation nehmen ab.

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