Research

Ratschläge zur Geldanlage
April 25, 2017

Wie gut schneiden Privatanleger wirklich ab?

Wenn sie ehrlich sind, dann haben die meisten Privatanleger keine genaue Vorstellung wie gut oder schlecht ihr Depot über längere Zeiträume abschneidet. Erstmalig in Deutschland gingen zwei Uni-Professoren dieser Frage in einer breit angelegten Studie mit fast 40.000 Wertpapierdepots nach. Das Ergebnis ist ernüchternd: mit einer durchschnittlichen Rendite von nur +3,1% pro Jahr über 10 Jahre blieben Anleger weit hinter den Möglichkeiten zurück. Gemessen am durchschnittlichen Depotrisiko wäre eine Rendite von +8,7% erreichbar gewesen. Die Differenz von über 5% ist bitter und leider wieder Beweis dafür, dass Do-It-Yourself beim Anlegen selten funktioniert. Da das eigene Depot Teil der Altersvorsorge ist, sollte sich hier eigentlich Handlungsbedarf für alle Selbstanleger ergeben.

Anleger verschenkten 5,6% pro Jahr

Die Wirtschaftsprofessoren Andreas Hackethal und Steffen Meyer haben im Auftrag der Zeitschrift Finanztest fast 40.000 Wertpapierdepots von Direktbankkunden in Deutschland analysiert. Der Untersuchungszeitraum erstreckte sich auf 10 Jahre, von 2005 bis 2015.

Das Ergebnis ist ebenso erschreckend wie lehrreich: die Anleger erzielten nur eine bescheidene Rendite von +3,1% obwohl sie ein hohes Risiko eingingen. Im gleichen Zeitraum wuchs der Gesamtmarkt mit einer vergleichbaren Risikostruktur +8,7% pro Jahr.

Ähnliche Studien aus den USA kommen übrigens zu vergleichbaren Ergebnissen. Auch hier lag der langfristige Unterschied zwischen der Marktrendite (also der Wertzuwachs von Aktien und Anleihen im untersuchten Zeitraum) und der tatsächlich erzielten Depotrendite von Anlegern zwischen 3%-4% pro Jahr.

Die größte Renditebremse in den Depots der deutschen Privatanleger war übrigens die unbefriedigende, um nicht zu sagen katastrophale, Einzeltitelauswahl. Dies ist wenig überraschend: selbst Profianleger schaffen es über längere Zeiträume nicht, einen breiten Index wie den MSCI Europe oder MSCI World zu schlagen. Wenn Profis es nicht schaffen, woher nehmen Privatanleger dann die Hoffnung, es besser zu können?

Anlegerfehler gehen ordentlich ins Geld

Vielleicht werden die Folgen der falschen Anlagestrategie deutlicher, wenn man sich vor Augen hält, was aus 100.000 Euros nach 10 Jahren geworden wäre, je nachdem ob man eine jährliche Rendite von 3,1% oder von 8,7% erzielt hätte. Bei 3,1% wäre nach 10 Jahren ein Vermögen von 135.702 Euro herausgekommen, bei 8,7% ein Vermögen von 230.301 Euro. Nach 20 Jahren ergeben sich Werte von jeweils 184.151 Euro und 530.385 Euro. Eine Differenz von über 340.000 Euros nach 20 Jahren sollte eigentlich ein Weckruf für Privatanleger sein. Wer kann es sich schon erlauben, soviel Vermögen zu verschenken? Bei diesen Größenunterschieden wird deutlich, wie wichtig es ist, Fehler bei der Geldanlage zu vermeiden.

Typische Anlegerfehler und wie man sie umgeht

Hier sind drei typische Anlegerfehler, die wir immer wieder sehen:

  1. Mangelnde Streuung: Warum unnötige Risiken eingehen? Es heißt nicht umsonst, dass man nicht alle Eier in einen Korb legen soll. In der Studie lag die durchschnittliche Zahl der Einzelaktien bei nur 12. Die richtige Zahl von Werten liegt jenseits von 100, besser noch 1.000. Das ist aber für den Privatanleger mit Einzeltiteln nicht machbar, da man unmöglich so viele Unternehmen gleichzeitig verfolgen kann. Es erscheint vielleicht für viele Privatanleger wie ein Paradox, aber so essentiel Aktien als Anlageklasse für die langfristige Vermögensplanung sind, so sehr sollten sie dennoch von Einzelaktien die Finger lassen.
  2. Übermäßiges Handeln: Die Studie bestätigt ein altes Vorurteil – je mehr Anleger handelten, desto geringer war die Performance. Beim Anlegen sollten wir das Gegenteil von dem machen, was unsere Eltern uns immer sagten. Statt „sitz nicht rum, tue was“, sollte das Motto lauten „sitz rum, tue nichts“. Wer sich wöchentlich oder gar täglich sein Depot ansieht, ist permanent in Versuchung, irgendwie auf die Fülle von Nachrichten zu reagieren. Doch damit richtet man eher Schaden an.
  3. Zu viel Deutschland: Anleger konzentrieren sich gerne auf Unternehmen, die sie kennen. Folglich finden sich im Depot überwiegend Werte aus Deutschland. In den untersuchten Depots lag der Deutschlandanteil bei 43%. Aber der Beitrag Deutschlands zum weltweiten Bruttosozialprodukt liegt unter 5%. So sehr man sich über die gute Entwicklung der deutschen Wirtschaft freuen mag, viele Zukunftsindustrien entstehen heute im Ausland. Das jüngste Unternehmen im DAX ist SAP und dessen Gründung liegt inzwischen fast 50 Jahre zurück (1972). Es gibt keine äquivalenten Aktien wie Google, Amazon oder Apple in Deutschland. Auch die Bevölkerungsentwicklung, ein wichtiger Treiber des Wirtschaftswachstums, sieht in anderen Ländern vorteilhafter aus.

Zusammenfassung

Die Studie zeigt eindeutig, dass viele Privatanleger ihren Finanzmarktkenntnissen oft mehr trauen als gerechtfertigt. Interessanterweise stehen diese Ergebnisse im Einklang mit Untersuchungen von Verbraucherverhalten in anderen Bereichen. So zeigt die medizinische Forschung, dass auch ärztlicher Rat im Durchschnitt von weniger als 25% Prozent der Patienten befolgt wird. Selbstüberschätzung ist aber gefährlich – sowohl bei der Gesundheit als auch beim Thema Finanzen.

Sicherlich, vielen Anlegern macht es Spass, sich mit dem Thema Aktien direkt zu beschäftigen. Doch wer ehrlich zu sich selbst ist, der wird feststellen, dass man über längere Zeiträume kaum besser abschneidet als es hier von den Wirtschaftsprofessoren in der breit angelegten Studie gezeigt wurde. Wer wirklich besser ist, der muss sich fragen lassen, mit welchem Risiko dies erkauft wurde. Da ich selbst 7 Jahre als Aktienanalyst in London tätig war, ist mir die Begeisterung bei der Suche nach der nächsten Gewinner-Aktie bekannt. Dennoch lege ich den Großteil meines Vermögens über breit gestreute Indesfonds (ETF) an. Eine seriöse Finanzplanung hat eben nichts mit Unterhaltung zu tun.

Wie man sein Vermögen nach modernen Grundsätzen aufstellt, erläutern wir Ihnen gerne in einem ausführlichen Gespräch.